"Man kann den Menschen nur raten: Schaut es euch an!"
7.8.2010
Ob Weltstadt oder Provinzmetropole, bei der Wahl seines Quartiers in fremder Umgebung zählt für Ulrich Windfuhr nur dieses Kriterium: Gleich um die Ecke muss ein Schwimmbad liegen. "Ich bin ein täglicher Schwimmer, 1000 Meter, egal wo ich bin", offenbart der 50-jährige Dirigent im Gespräch mit dem OHA.
Im Eutiner Freibad ist der Musiker, seit 2007 in Leipzig auch Professor für Dirigieren ("Ich betreue derzeit sechs Studenten, alle unglaublich talentiert") schon gut bekannt. Und auch rund um die Opernscheune ist Windfuhr mit seiner Energie und Ausdauer zu einer festen Größe geworden. Erstmals stand er 2009 bei den Eutiner Festspielen bei der Verdi-Oper "Otello" am Dirigentenpult. Der an acht Stadttheatern erprobte Orchesterlenker erwies sich dabei als äußerst wetterfest und einsatzfreudig: Weder Regenschauer noch ein Fußbruch hinderten ihn am Takt angeben.
In diesem Jahr hat Windfuhr gleich bei drei Produktionen ("Freischütz", "Traviata" und "Der Zauberberg") die musikalische Leitung inne. Sein Rezept für die Bewältigung dieser fordernden Aufgabe: "Ich habe mit meinen Assistenten schon im Winter viel Arbeit in die Vorbereitung investiert. Wir wussten genau, worauf in den Proben mit dem Orchester zu achten sein würde."
Die Ergebnisse sprechen für sich; selbst langjährige Besucher der Eutiner Festspiele sind positiv beeindruckt. "Man hört, dass die Hamburger Symphoniker und ich uns gut verstehen", reagiert Windfuhr auf Komplimente für die hochkonzentriert und befeuert wirkende Klangarbeit im Orchestergraben.
Was ihn dabei noch stört, gab der Dirigent in einer spontanen Ansprache ans "Freischütz"-Premierenpublikum preis: Die alte Plane, die das Orchester vor Regen und Temperaturabfall schützen soll, schlucke zu viele musikalische Feinheiten und müsse endlich durch eine klangdurchlässigere Abdeckung ersetzt werden. Seine Hoffnung: "Ich bin sicher, dass ein Sponsor dafür zu gewinnen ist und unglaublich viel Dank ernten würde."
Über die Zukunft der Eutiner Festspiele macht sich der ehemalige Kieler Generalmusikdirektor, der von 1998 bis 2003 mit der damaligen Intendantin Kirsten Harms im Bunde die Oper an der Förde bundesweit bekannt machte, viele Gedanken. Vorweg diese Grundsatzerklärung: "Man muss sich die Verhältnisse klar machen. Bei jeder Aufführung sind hier 1900 Plätze zu füllen, eigentlich ein Unding für eine so kleine Stadt wie Eutin. Allein die Hälfte an Besuchern hier bedeutet das Staatstheater in Hannover ausverkauft oder das Opernhaus in Stuttgart proppevoll. Wenn man diese Umstände bedenkt, ist die Auslastung der Eutiner Festspiele schlicht sensationell."
Doch wie ihre tiefroten Bilanzen seit Jahren zeigen, kann das Publikum allein den Aufwand für die Sommeroper nicht bezahlen. Windfuhr weiter: "Ohne Subventionen kann das nicht funktionieren. Hier geht es mit inzwischen 60 Jahren Tradition um ein kulturelles Erbe, um einen Bildungsauftrag auch für jede neue Generationen. Das Land, das kulturell nicht gerade das allerreichste ist in Deutschland, muss doch wissen, was es an den Eutiner Festspielen hat. Sie sind ein Motor für den Sommer in der Region."
Und was können die Festspiele selbst noch tun? Windfuhr holt tief Luft: "Sie sind ein ganzes Stück vorangekommen mit der Entwicklung in diesem Jahr. Da gehört jetzt Kontinuität rein, es sollte nicht wieder gleich personelle Wechsel geben." Und das musikalische Programm? "Keine Ausgrabungen, sondern eine klassische deutsche Oper oder Operette, dazu eine italienische Oper, die Sonne in den Norden trägt, alles mit jungen Stimmen, die Perspektiven für die großen Häuser haben. Wenn Bernarda Bobro demnächst in Wien die Violetta singt, dann wird sie bald für normale Theater nicht mehr bezahlbar sein." Eutin müsse sich für Opernsänger als Talentbühne etablieren, aber auch andere musikalische Angebote pflegen, Stücke für Kinder, Galas für Wunschkonzert-Ansprüche, Neuland für Jazzfreunde ansteuern. Sollen die Festspiele die Fühler in Richtung Jazz Baltica ausstrecken? Klare Antwort: "Da müssen wir ran."
Aus jedem Satz spricht Windfuhrs Wille, weiter die musikalische Linie der Festspiele mitbestimmen zu können. Auch aus einer Art Heimatverbundenheit: "Ich liebe Schleswig-Holstein. Hier sind mein Sohn und meine Tochter groß geworden, das Land ist eine Perle." Und Eutin biete alles an einem Fleck, was man sich nur wünschen könne- Natur und Kultur in besonderer Verbindung. Nirgendwo auf der Welt könne die Wolfsschlucht-Szene im "Freischütz" so wirkmächtig über die Bühne gehen wie hier: "Wenn es dämmert, kräht, die Bäume rauschen, der Mond aufzieht, man den See im Rücken spürt, dann wird das Publikum richtig eingesogen von der Musik, wie es keine 3D-Animation und kein Regisseur in Szene setzen kann. Das ist Magie, und man kann den Menschen nur raten: Schaut es euch an."
OHA, 07.08.2010
